18.01.2018 – Vortrag Prof. Dr. Hella von Unger

Forschungsethische Herausforderungen qualitativer Fluchtforschung

Forschungsethische Fragen stellen sich in allen Phasen der empirischen Forschung: von der Themenwahl und Planung bis zur Dissemination und
Verwertung. Welche ethischen Prinzipien leiten unser Forschungshandeln?
Wie nehmen wir unsere Verantwortung als Wissenschaftler/innen wahr? Im
Zentrum steht die Gestaltung der Beziehung/en zwischen Forschenden und
den Personen und Einrichtungen, die an der Forschung teilnehmen.
Forschungsethischen Grundsätzen folgend sind Sozialwissenschaftler/innen
beispielsweise aufgefordert, die Risiken der Teilnahme an ihrer Studie zu
antizipieren und Schaden zu vermeiden, von Teilnehmenden eine
informierte Einwilligung einzuholen und die Daten zu anonymisieren und
vertraulich zu behandeln. In der qualitativen Forschungspraxis stoßen
diese Grundsätze jedoch schnell an Grenzen: Wie lässt sich eine
informierte Einwilligung bei teilnehmenden Beobachtungen in
unkontrollierbaren Lebenswelten einholen – und von wem? Wie lassen sich
Risiken antizipieren, wenn der Forschungsverlauf methodologischen
Prinzipien folgend offen gestaltet wird und nur eingeschränkt planbar
ist? Lassen sich qualitative Daten überhaupt sinnvoll anonymisieren –
und wenn ja, wie? Was ist bei Forschung mit besonders „vulnerablen“
Personen wie Geflüchteten zu beachten? Im Zusammenhang mit neuen
Technologien und digital vernetzten Wirklichkeiten stellen sich
teilweise ganz neue Fragen. Es bedarf daher einer forschungsethischen
Reflexivität, die nicht nur das eigene Forschungshandeln sondern auch
die kanonisierten Grundsätze kritisch hinterfragt und danach strebt, im
jeweils spezifischen Forschungskontext Antworten auf die Frage zu
finden, welches Handeln ethisch vertretbar ist – und welches nicht.
Der Vortrag führt in zentrale forschungsethische Grundsätze ein und
diskutiert Herausforderungen, die sich in der qualitativen
Fluchtforschung stellen. Als empirisches Beispiel dient ein qualitatives
Lehrforschungsprojekt, das 2016-2017 mit jungen Geflüchteten in München
zum Thema Bildung und Arbeitsmarkt durchgeführt wurde (von Unger 2017).
Hier stellten sich u.a. Fragen der Freiwilligkeit bei der Rekrutierung
von Interviewpartner/innen in Schulen. Formalisierte Verfahren der
schriftlichen Einwilligung mit namentlicher Unterschrift entpuppten sich
als hinderlich für den Aufbau einer vertrauensvollen
Forschungssituation. Eine weitere grundsätzliche forschungsethische
Herausforderung bestand darin, dem „dualen Imperativ“ der
Fluchtforschung gerecht zu werden, der besagt, dass Fluchtforschung
aufgrund der oft prekären und existentiell bedrohten Situation von
Flüchtenden nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen,
sondern auch danach streben sollte, einen anwendungsbezogenen Nutzen
(insb. für Geflüchtete) zu generieren.

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